Leseprobe

Abbadons Ruf

Traumfänger-Saga Teil 1 ~ Fantasy

"Nachts öffne ich das Fenster

und bitte den Mond, hineinzukommen

und sein Gesicht auf meines zu legen.

Atme in mich hinein.

Schließe die Rede-Tür

und öffne das Liebe-Fenster.

Der Mond benutzt nie die Tür,

nur das Fenster."

 

(Maulana Rumi, 1207-1273)

Eine Geschichte beginnt, wenn eine Geschichte beginnt.

Ist das so?

Gibt es ihn, diesen einen Funken, der ein ganzes Universum zum Leuchten bringt?

Oder ist das, was sie alle machen – alle Geschichtenerzähler der Welt –, nur das geschickte Führen des Blicks durch einen Tunnel, der sich vom Ende her mit Licht füllt?

… und Schleier um Schleier fallen, heller und heller wird der Weg. Bis du am Ende vergisst, dass du am Anfang nur die Wände des Tunnels gesehen hast.

 

Die Wände dieses Tunnels sind grün.

 

Wenn du ein wenig näher kommst, siehst du, dass sie aus Blättern bestehen. Nicht irgendwelchen Blättern, sondern aus den Blättern der Lotosblume.

Die Lotosblüte gilt im Buddhismus als heilig. Auch deshalb, weil ihre Knospe sich selbst durch trübstes Wasser an die Oberfläche des sumpfigsten Gewässers kämpft, um ihre volle Schönheit zu entfalten.

In den Industriestaaten wird vor allem eine Eigenschaft der Lotosblätter geschätzt. Sie sind vollständig schmutzabweisend. An ihnen bleibt nichts haften.

Ob es möglich ist, diese beiden Eigenschaften zusammenzuführen?



 

In jener denkwürdigen Nacht klangen Emilys Schritte hart und frustriert durch die Dunkelheit.

Stellt euch vor, ihr seid ein Lotosblatt.

Sie schnaubte.

Lasst alles von euch abperlen!

Emily sammelte ihre Spucke im Mund und rotzte sie auf den Gehweg. Wie einen Stich in den Magen konnte sie die Missbilligung einer anderen Spaziergängerin spüren, die in dem Moment an ihr vorbeilief, bekleidet mit zwei winzigen Hunden und einer Jogginghose. Emilys Augen verengten sich zu Schlitzen. „Was glotzt du so?“, fauchte sie und drehte ihren Körper dem sich eilig entfernenden Gekläffe hinterher.

Sie war kein Lotosblatt. Sie war höchstens Wasser, das auf seine glatte Oberfläche fiel und dort hin- und herlief, ohne einen Halt zu finden. Das nur den Schmutz anzog und irgendwann von der bescheuerten Blume abtropfte und in einen sumpfigen Teich fiel, der einfach nur vor sich hin stank.

Die Anti-Aggressions-Psycho-Selbsthilfegruppe war für den Arsch.

*

„Hoppla!“

Der Typ stand ihr so plötzlich im Weg, als wäre er einfach dort aufgetaucht. Gerade hatte Emily sich wieder umdrehen wollen, als sie schwungvoll in ihn hineinlief.

Kurz suchte der Fremde sein Gleichgewicht. Auch er hatte sie vermutlich nicht kommen sehen, denn er stand mit dem Rücken zu ihr. Trotzdem machten einige wüste Beschimpfungen sich in Emily bereit, als er sich umdrehte und aller Ärger in ihrer Kehle steckenblieb.

Der Fremde konnte nicht viel älter sein als sie, ein wenig größer und schlank. Seine schwarze Kleidung sah aus wie an den Körper geschneidert, bis hin zu einem altmodischen Gehrock, der abgetragen, aber gepflegt wirkte. Auch seine Haare waren schwarz. Lang und glatt glänzten sie wie Seide im Licht der Straßenlaternen. Sie wirkten wie der Rahmen für ein Gesicht, das Emily vom ersten Moment an vorkam wie ein Kunstwerk. Scharf und markant war es geschnitten, mit vorstehenden Wangenknochen und einer schmalen Nase. Seine Haut schimmerte weich wie ein goldener Topaz, frei von Ansätzen eines Bartwuchses oder irgendeiner Unreinheit. Nur um die Augen herum spielten einige feine Fältchen, und es waren diese Augen, die Emily sofort in ihren Bann zogen. Sie waren grün. Zwei funkelnde Smaragde, voller Leben und in diesem Moment offensichtlich belustigt.

„Hier steh ich doch schon“, sagte der Fremde mit mildem Spott in einer Stimme, die zu dem Gesicht passte, als seien sie zusammengecastet worden. Blitzartig durchzuckte Emily die Erkenntnis, dass ihre Jeans seit Wochen nicht gewaschen, ihr T-Shirt zwar bequem, aber mit einem unfassbar hässlichen Print versehen war und sie ihre Locken in den letzten Stunden zerzaust hatte vor Wut. Ärgerlich blinzelte sie, als sie die heißen Flecken spürte, die sich auf ihrem Gesicht ausbreiteten. Sie zwang ihren Blick weg von den grünen Augen auf den Boden. Der Fremde war barfuß, genau wie sie so oft.

„Ja, wieso auch immer!“

Sie rechnete mit Wut in ihrer Stimme, bemerkte aber überrascht, dass die Wörter mit einem Lachen hervorkamen.

Die Mundwinkel des Fremden zuckten. Er sah nach oben.

„Ich schaue mir die Sterne an.“

„Hier? Bei all dem Licht?“

Er seufzte. „Ja nun. Mitten in der Stadt ist es halt so.“

Emily sah ebenfalls in den Himmel. Tatsächlich ließen sich trotz der Straßenbeleuchtung ein paar Sterne sehen. Die Nacht war klar und wolkenlos.

„Draußen am See siehst du mehr“, sagte sie. „Hier musst du schon bei Neumond schauen, dann geht’s eigentlich.“ Aus den Augenwinkeln beobachtete sie sein Nicken.

„Als nächstes versuche ich erst mal wieder, mich bei Vollmond in einen Werwolf zu verwandeln.“

„Das dauert aber noch zwei Wochen. Was ist bisher schiefgelaufen?“

Er lächelte und wandte sich ihr wieder zu. „Vermutlich bin ich ein Weichei. Ich mag es nicht, gebissen zu werden.“

„Ach.“

Ein leichtes Prickeln glitt über Emilys Haut. Wieso ließ sie sich auf einen vollkommen Fremden ein? Normalerweise hätte sie ihn einfach stehengelassen. Mit gerunzelter Stirn sah sie an ihm vorbei und überlegte, wie sie sich davonmachen konnte, ohne allzu unhöflich zu wirken.

„Hattest du einen schlechten Tag?“

Die Frage kam so unvermittelt, dass Emily nicht anders konnte als den Fremden wieder anzusehen. In seinem Blick lag nichts als aufrichtiges Interesse. Fast hätte sie laut losgelacht, doch aus ihrem Mund kam nur ein resigniertes Schnauben. „Eher einen normalen Tag. In einem beschissenen Leben.“

„Das tut mir leid“, sagte er ruhig und musterte sie weiter aufmerksam. „Und dann stehe ich dir auch noch im Weg rum.“

„Naja.“ Emily zuckte mit den Schultern. „Im Vergleich zu den Arschlöchern, die mir sonst im Weg herumstehen, war es bei dir nicht so schlimm.“

„Immerhin.“ Ein flüchtiges Lächeln zuckte über sein Gesicht, bevor er wieder ernst wurde. „Was sind denn das für… Arschlöcher, wenn ich fragen darf?“

Durfte er? In Emily poppten Gesprächsfetzen vom Nachmittag hoch. Die fantastische Studiengruppe hatte sich zu einem ihrer fantastischen Studientreffen zusammengefunden.

„Echt jetzt, Emily? Das ist schon ziemlich banal. Hast du Popper überhaupt gelesen?“

„Und was soll das jetzt? Wir wollten sachlich bleiben, oder? Emily ist erst im dritten Semester.“

„Ja, und sie ist hier, weil du wieder mit ihr in die Kiste willst. Als ob wir das nicht wüssten, Robert!“

Erneut fuhren Wut und Scham ihr durch die Eingeweide, als sie an Gesichter dachte, in denen wahlweise Häme, Mitleid und Erschrecken standen. Natürlich! Robert hatte mit ihrer Beziehung noch nicht abgeschlossen. Deshalb wollte er, dass sie mitkam zu seinen High-Potential-Kommilitonen. Ihre akademischen Fähigkeiten konnten es nicht sein. Sie war nur zufällig an der Universität. Weil einer ihrer beknackten Bewährungshelfer die Idee gehabt hatte, dass ein Stipendium sie vielleicht auf den richtigen Pfad zurückbringen könnte. Weg von ihrer zerstörerischen Wut, von ihren Depressionen und den zeitweiligen manischen Anfällen.

„Emily?“

Ihre Aufmerksamkeit kehrte zur Gegenwart zurück. Nach wie vor sah der Fremde sie an. In sein Interesse mischte sich Mitgefühl. „Entschuldige, wenn ich dir zu nahe getreten bin.“

„Schon gut.“ Fahrig winkte sie ab. Irgendetwas klopfte zart an die Innenseite ihres Hinterkopfes und bat um Beachtung. „Ich bin schlecht drauf. Für heute ist mein Pensum Mensch mehr als erfüllt.“

„Kann ich verstehen. Geht mir auch oft genug so.“ Er schien zu zögern. „Wollen wir uns vielleicht wann anders mal treffen?“

Wann anders? Erneut spürte Emily Hitze in sich aufsteigen. Doch diesmal färbte sie sich rot. „Wieso fragst du das? Wie kommst du darauf, dass ich das wollen würde?“

Der Ernst in seinem Blick intensivierte sich.

„Ich frage, weil du so gut riechst, und ich glaube, dass du es willst, weil du hier stehst, als sei ich kein Fremder.“

„Wie bitte?“

Emilys Hals schnürte sich zu. Eine starke Hand griff in sie hinein und schloss sich um ihr Herz.

„Soll das eine blöde Anmache sein?“, stieß sie hervor und trat einen Schritt zurück.

„Nein!“, erwiderte er schnell, seine Hände zuckten abwehrend nach oben. Er schien aufrichtig erschrocken zu sein.

„Nein, das ist keine Anmache. Es ist lediglich … eine Empfindung.“

Der Druck in ihrem Inneren verstärkte sich, ihre Gedanken verschwammen. Der Fremde beugte sich vor und berührte sie leicht, ganz leicht am Arm.

„Verzeih mir“, sagte er leise. „Alles ist gut. Dein Weg wird sich bald öffnen, Emily.“

Emily? Er nannte sie schon wieder Emily! Mit einem Schlag kehrte ihre Klarheit zurück. Sie starrte ihn an. „Woher …?“

Hinter ihr erklang ein peitschender Knall wie von einem Blitz, der in den Boden fährt. Emily fuhr herum und sah nichts als die unbelebte Fußgängerzone. Als sie sich wieder umdrehte, war der Fremde verschwunden. Sie hörte keine Schritte, sah keine Bewegung.

Auch die Straße vor ihr lag da wie ausgestorben.

„Scheiße.“ Emily fröstelte. Minuten vergingen, bevor die Starre von ihr abfiel und sie ihren Weg nach Hause fortsetzen konnte.


[...]

Und wieder schien der Mond, doch diesmal stand er viermal so groß am Himmel und die Stille, die von ihm ausging, barg eine Drohung. Emily ging mit anderen Menschen durch eine Straße. Während sie nach oben blickte, hörte sie um sich herum Gelächter und Geschwätz wie durch eine dichte Nebelwand. Sie schien als Einzige besorgt zu sein, auch wenn sie nicht wusste, warum.

Etwas Schwarzes türmte sich hinter dem Mond auf, ein Schatten …

Auf einmal wurde sie am Arm gepackt und in ein Gebäude gezogen. Eine Stimme war da, dicht an ihrem Ohr.

„Komm hier rein, schnell!“

Die Gestalt, die sie mit sich zog, hatte kein Gesicht, aber sie kam Emi­ly trotzdem vage vertraut vor.

Ihr Vater – es musste ihr Vater sein. Er führte sie durch einen schmalen Flur.

„Halt!“

Diese Stimme hätte Emily unter tausenden erkannt, auch wenn sie merkwürdig verzerrt klang. Sie drehte sich um. Ihre Mutter stand direkt hinter ihr, das Gesicht besorgt, fast verzweifelt.

„Du solltest nicht da lang gehen. Komm mit mir zurück nach draußen, ich bitte dich!“ Sie streckte die Hand nach ihr aus, doch Emily wich nach hinten zurück. Sie wollte nicht wieder hinaus, sie musste mit ihrem Vater gehen, es war wichtig.

Sie betraten einen großen Raum mit einer gläsernen Kuppel. Er war fast vollständig leer. Nur in der Mitte stand ein Teleskop auf einem Stativ.

Von hier aus schien der Mond noch größer.

„Schau hindurch!“, drang die Stimme ihres Vaters.

Emily sah den Mond und den Schatten, der sich hinter ihm aufbäumte. Durch das Teleskop kam sie ihm näher: ein gigantischer, teuflischer Schemen, tiefschwarz und mit Augen, die wie Feuer aus tiefen Höhlen loderten. Er war kurz davor, den Mond zu verschlingen.

„Er wird alles zerstören, wenn du dein Blut nicht aus dem Keller holst.“

Sie sah auf den Boden. Dort standen drei Eimer, gefüllt mit einer roten Flüssigkeit. Emily bückte sich und kippte die Eimer um. Das Blut vereinte sich zu einer Lache. Sie schien eine bestimmte Form annehmen zu wollen …

„Nein!“

Der Schrei hallte von überall her. Finsternis stürzte auf Emily hinab, Schwefelgestank umgab sie. Im nächsten Augenblick wurde ihr von einem gewaltigen Gewicht alle Luft aus den Lungen gepresst und sie wusste, dass sie sterben würde.

*

Sie hörte sich selber schreien, als sie aufwachte. Ihr Schlafhemd war schweißnass, in jedem einzelnen Muskel spürte sie Panik. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit, versuchte, vertraute Umrisse wahrzunehmen und ihren Atem zu beruhigen. Sie sah nicht auf den Wecker, sie machte kein Licht. Irgendwann spürte sie, wie der Schweiß auf ihrer Haut abkühlte und trocknete. Ihr Herz pumpte Blut durch ihre Adern, energisch und trotzig.

Bumm – bummbumm.

Emily wartete. Bewegungslos lag sie da und holte sich jede Szene des Traumes zurück ins Gedächtnis. Sie wartete darauf, dass ihre Augen wieder schwer wurden und sie dem Drang nachgeben musste, sie zu schließen. Doch obwohl die Nachwirkung des Weins und Müdigkeit ihre Knochen allmählich schmerzen ließen, wurde ihr klar, dass sie an Schlaf vorerst nicht denken brauchte. Also setzte sie sich an ihren Schreibtisch und machte Licht. Als sie die Schublade aufmachte, um ihr Traumtagebuch herauszuholen, zögerte sie. Dann tastete sich ihre Hand ganz nach hinten und zog ein leicht zerknittertes Foto hervor: das Portrait eines nicht mehr ganz jungen Mannes, ihres Vaters.

Jeremy Spring sah gut aus mit seinen blonden Haaren und der braungebrannten Haut. Im Gegensatz zu seiner Frau lächelte er nicht, sondern schickte aus stahlblauen Augen einen Blick in die Kamera, der aussah, als wolle er den Betrachter sezieren. Emily erinnerte sich, dass ihr dieses Foto schon immer Angst gemacht hatte. Als sie das ihrer Mutter erzählte, nahm Helena Spring das Bild einfach von der Kommode hinunter und ließ es in einem Schrank verschwinden.

„Dein Vater ist nicht besonders fotogen“, hatte sie gesagt, mehr nicht.

Erst vor kurzem war er zu seiner Australienreise aufgebrochen, ein dienstlicher Auftrag.

Am nächsten Tag kam die Nachricht vom Konsulat, dass Jeremy Spring vermisst wurde.

Wieso erschien er jetzt in ihren Träumen? Keine Sekunde hatte sie an ihn gedacht, auch nicht an ihre Mutter. Was war das für eine merkwürdige Umgebung gewesen? Merkwürdig, real und bedrohlich. Und das nach einem Abend, der sie verzaubert hatte wie lange nicht mehr. Wie noch nie.


[...]


Der Mann, der aus dem Schatten trat, war etwa so groß wie sie selbst und vollkommen kahl. Auch trug er nichts als eine weite, rockartige Hose, die oben an der Hüfte mit einem Tuch gebunden war und unten in weißen, langen Strümpfen steckte. Zumindest sein Oberkörper schien mehr Muskeln zu haben als ein gewöhnlicher Mensch. Emi­ly meinte, einen leicht asiatischen Einschlag in seinem Gesicht zu erkennen. Seine ganze Erscheinung erinnerte sie an einen Shaolin-Mönch.

Zügig, in einer einzigen fließenden Bewegung ging er in ihre Richtung. Erst im letzten Moment erkannte sie, dass seine Hände nicht leer waren. Etwas blitzte auf. Ein schlankes Schwert stieß auf sie zu und bohrte sich in ihren Oberkörper. Von irgendwoher hörte sie einen Schrei. Ein Mensch schrie, doch es konnte auch der Schrei eines tödlich verwundeten Tiers sein.

Es war ihr eigener.

Dann überflutete sie der Schmerz. Ihr Blick verschwamm und tastete sich von der Wunde in ihrer Brust hoch zu schwarzen Augen ohne jegliches Gefühl. Mit einem gnadenlosen Ruck zog der Fremde das Schwert wieder aus ihr heraus und sah zu, wie sie vornüber zu Boden glitt.

„Du bist tot“, sagte er.


[...]

Die Luft schien dicker zu werden. Zäher Nebel verdichtete sich und bremste ihre Geschwindigkeit – oder verzögerte sich die Zeit? Die Flügel des Drachen schlugen langsamer, als müsse er gegen einen Widerstand anfliegen.

Es war, als tauchten sie durch einen Traum.

Doch Emilys Sinne waren wach und scharf. Ihre Augen verloren sich im Weiß, suchten nach etwas, an dem sie sich festhalten konnten, etwas, das nicht nach Drachen aussah.

Dann verschwand der Nebel. Huang Lungs Körper stieß aus ihm heraus wie aus einer Mauer.

Über Emily öffnete sich das Universum. Aus dem Schwarz der Unendlichkeit brach das Licht von Millionen Sternen. Klar und nicht durch die Atmosphäre gebrochen, denn die hatten sie hinter sich gelassen.

Sie schwebten im Weltraum, in einer Umlaufbahn über der Erde. Dort, weit unten drehte sie sich, stoisch und unbeeindruckt von den hastigen, ständig aufgeregten Bewegungen ihrer Bewohner.

Der Drache hatte jedoch jede Bewegung eingestellt, vollkommen entspannt ließ er sich einfach treiben und schien ebenso wie Emily den überwältigenden Ausblick zu genießen.

*

„Schau sie dir an“, hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, ganz anders als vorhin, weder laut noch ungeduldig. „Seit Äonen dreht sie sich und es kümmert sie nicht, was auf ihrer Oberfläche geschieht. Sie weiß nicht, dass sie für viele hundert Milliarden Wesen eine Mutter ist, die sie nährt und schützt. Eine Mutter, die ganze Arten ausrottet, wenn sie sich neu einkleidet, die mehr als einmal fast komplett entvölkert war und doch immer und immer wieder neues Leben gebar.“

Emily hielt den Atem an. Unter ihnen glitt ein riesiger Kontinent vorbei. Dort unten war Nacht, doch es schien fast so, als würde sich der Sternenhimmel in dieser Nacht spiegeln. Zahllose Lichter bedeckten die Oberfläche, an manchen Stellen verschmolzen sie zu großen, hellen Flecken – dort, wo die Städte waren.

Wie seltsam, dass nicht auch der Lärm bis hier oben vordrang.

„Jämmerlich.“ Diesmal schwang wieder Verachtung im Tonfall des Drachen. „Schau dir an, wie sie versuchen, ihre Angst vor der Dunkelheit durch künstliches Licht zu besiegen. Dieses Licht ist genauso armselig wie ihre Versuche, sich als menschliche Rasse fortzuentwickeln und zu verbessern. Sieh genau hin, Emily: Dort ist der Vergleich. Sieh dir an, was LICHT ist.“

Am Horizont, hinter der Nacht, war ein heller Streifen erschienen, der sich rasch nach vorne ausdehnte und die Welt in sanfte Farben tauchte. Ein Gleißen folgte der Helligkeit. Die Nacht drehte sich in die Sonne und wurde von ihr verschlungen.

Emily hob die Hände, um ihre Augen zu schützen. Nur durch einen kleinen Spalt zwischen ihren Fingern beobachtete sie das Schauspiel. Sie begriff, dass ihr eine Ehre zuteilwurde. Nie hatte sie etwas Erhabeneres, Würdevolleres gesehen.

Sie würde diesen Anblick niemals vergessen!

„Hier oben wird meine Seele einst in die Ewigkeit eingehen, und hier oben wirst du auch die Antwort auf deine Frage finden.“

„Hier oben? Welche Frage meinst du?“

„Es gibt nur noch eine für dich, Emily – Mensch. Lausche nur in dich hinein, sie flüstert schon lange. Dein inneres Ohr war nur taub.“

Sie wagte nicht, erneut zu fragen, auch wenn seine Antwort sie mehr verwirrt hatte, als sie es ohnehin schon war. Eine Frage nur noch? Sie hatte tausende! Doch hier schwebte sie im Weltraum, auf dem Rücken des Königs der Drachen, und er sagte zu ihr, dass es nur eine einzige Frage gab.

Wer war sie, dass sie seine Worte in Zweifel ziehen konnte?

Ein Geräusch kam von ihm, ein Lachen, das er nur mühsam unterdrückte.

„Genau, Emily Spring. Wer bist du?“

Dann schwieg er und änderte kaum merklich die Richtung. Er richtete seinen Körper so aus, dass er senkrecht zur Erdoberfläche schwebte, und breitete die Flügel aus.

„Selbst die Menschen werden es nicht schaffen, die Erde aus der Ruhe zu bringen oder sie gar zu zerstören. Alles, was sie in der Hand haben, ist der Zeitpunkt ihres eigenen Verschwindens. Wird es noch tausend Jahre dauern? Millionen? Oder sterben sie schon morgen? Es spielt keine Rolle. Die nächste Spezies, die den Planeten beherrschen wird, steht bereits in den Startlöchern.“

Emily versuchte, dem plötzlichen Gedankensprung zu folgen.

„Welche Spezies meinst du?“

Ein Feuerstrahl loderte aus dem Maul des Drachen. Geräuschlos verteilten sich die Flammen, formten einen brennenden Kreis, der sich mit Nebel füllte.

„Kakerlaken“, sagte Huang Lung.

Er stieß nach vorne und in den Kreis.

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